So kommt eine ganze Großbäckerei nach Russland

Die Grupo Bimbo baut eine Backwarenanlage in Russland mit Anlageteilen geliefert aus der ganzen Welt – eine logistische Herausforderung der Extraklasse

Über 1 Jahr Projektlaufzeit, mehr als 100 LKWs und Container von überall aus Europa und Amerika, unzählbare Zertifizierungen, Genehmigungen und Klassifizierungsbescheide, Zwischenlagerungen und begleitete Sondertransporte … so lesen sich die Eckdaten dieses gewaltigen Projekts, durchgeführt für das weltgrößte  Backwarenunternehmen, die Grupo Bimbo.

Der Auftrag klingt in den offensichtlichen Details schon gewaltig: riesige Silos, ganze Fertigungsanlagen, Kräne und Ähnliches müssen transportiert, verzollt, eventuell zwischengelagert und ausgeliefert werden. Doch noch anspruchsvoller als der Transport sind die Planung und die Abwicklung aller formalen Anforderungen!

So ist zum Beispiel ein niedrigerer Zollsatz erreichbar, wenn die Anlage als Ganzes oder in abgeschlossenen Teilanlagen importiert wird anstatt in Einzelteilen. Soll eine Teilanlage als Gesamtes verzollt werden bedeutet das aber auch, dass sie eigentlich zeitgleich und vollständig beim Zoll eintreffen muss, auch wenn sie eventuell auf zehn LKWs aufgeteilt ist, die aus verschiedenen Ländern kommen.

Planung und Vorbereitung sind aufgrund all dieser Tatsachen entscheidend um ein komplexes Projekt in dieser Größenordnung erfolgreich abzuwickeln!
Lesen Sie in der Folge worüber Sie Bescheid wissen müssen und welche grundsätzlichen Fragestellungen zu klären sind, wenn Sie ein so umfangreiches Vorhaben umsetzen wollen:

Verzollung von Einzelteilen vs. Blockabfertigung  – Die entscheidende Planung der Abfertigung!

Kann eine Anlage oder eine Teilanlage als geschlossene Einheit verzollt werden, erspart man sich im Gegensatz zur Verzollung der Einzelteile einen großen Teil der Einfuhrabgaben! Der Hintergrund: eine einzelne Schraube wird deshalb relativ hoch besteuert, weil sie leicht im Inland produziert werden kann, der heimische Absatz soll hier im Vergleich gefördert werden. Der Import einer ganzen Anlage wird dagegen geringer besteuert, weil diese dann der Produktion und damit Wertschöpfung im Importland dient.

Einzelteile einzuführen bedeutet aber auch, dass jedes einzelne Bestandteil einer Anlage, von der Schraube bis zum Kabel, aufwändig zertifiziert, tarifiert und teurer verzollt werden muss. Dafür entfällt die komplexe Koordination mit der Lieferung anderer Anlagenteile. Im Gegensatz dazu bedeutet die Blockabfertigung von Anlagen(teilen), dass günstiger verzollt werden kann. Die (Teil-)Anlage kann im Vergleich weniger aufwändig als Gesamtes zertifiziert und eingeführt werden, dafür ist der Planungsaufwand im Vorfeld enorm, denn die Bedingung für eine Blockabfertigung ist, dass die Einheit als Gesamtes zertifiziert wird und gemeinsam beim Zoll gestellt wird (Ausnahme siehe Klassifizierungsbescheid). Extrem gesprochen bedeutet das, dass alles steht, wenn auch nur einer von 20 LKWs verspätet kommt. Es entfällt die Flexibilität der Einzelteilverzollung, denn ist ein Anlagenteil als Gesamtes zertifiziert und zur Verzollung vorgesehen, können keine Änderungen mehr vorgenommen werden.

Unterm Strich muss immer ein Kompromiss zwischen Flexibilität und hohen Kosten einerseits und großem Planungsaufwand, keiner Möglichkeit für Änderungen, dafür aber geringeren Kosten andererseits gefunden werden.

Klassifizierungsbescheid:

indem man die Gesamtanlage oder einen Teil davon vorab vom russischen Zoll als Einheit klassifizieren lässt, verschafft man sich zeitlich Spielraum. Es müssen dann nicht alle Teile einer gemeinsam zu verzollenden (Teil-)Anlage gleichzeitig beim Zoll gestellt werden. Der Klassifizierungsbescheid muss mittels eines aufwändigen Verfahrens beim russischen Zoll beantragt werden.

Erfahren Sie mehr … 

Der schwierige Weg von der Grenze zum Binnenzollamt:

In der Regel geschieht die Importverzollung nicht an der Außengrenze eines Zollgebietes sondern beim Binnenzollamt, das meist in der Nähe des Importeurs liegt. Von der Grenze muss die Ware unter Zollaufsicht im Versandverfahren oder Transitverfahren  bis zum Binnenzollamt gebracht werden. Diese beiden Methoden der Verbringung von Gesamtanlagen erfordern eine extrem gute Planung für den Transit über das Zollgebiet der Eurasischen Wirtschaftsunion, meist von der weißrussischen oder russischen Grenze zum Bestimmungszollamt. Für den Weg von der Grenze zum Binnenzollamt muss es eine Sicherheit für die Einfuhrabgaben geben, für den Fall dass doch vorzeitig Waren in Umlauf kommen. Und das für alle Einzelkomponenten, da die Anlage formal erst beim Binnenzollamt zu einer Einheit verschmilzt! Damit ergibt sich die groteske Situation, dass es trotz einer Gesamtverzollung alle detaillierten Herstellerangaben geben muss, so wie wenn alle Einzelteile verzollt werden müssten. Organisatorisch ergeben sich durch diesen Umstand oft die komplexesten Probleme.

 

Problem Nachlieferung von Teilen:

Es kann immer vorkommen, dass Teile einer Lieferung bei der Montage in Brüche gehen, dort nicht mehr auffindbar sind oder zum Beispiel doch noch ein paar Meter Kabel für die Fertigstellung fehlen. Das Projekt steht und der russische Käufer kann meist nicht helfen, da er die Anlagenteile formal schon importiert hat. Erfahren Sie mehr …

Zertifizierung:

Jedes Einzelteil, jede Teilanlage oder die gesamte Anlage muss nach russischer Norm zertifiziert werden um zu belegen, dass das Produkt die gewünschten Merkmale und die gewünschte Qualität für den russischen Markt aufweist. Bereits vorhandene Zertifizierungen nach den uns bekannten TÜV-, CE- oder ähnlichen Normen helfen nur bedingt weiter. Erfahren Sie mehr … 

 

Carnet ATA:

Für Aufbau und Montage sollen oft Werkzeuge, Messgeräte und Spezialvorrichtungen befristet importiert werden und nach Fertigstellung wieder außer Landes verbracht werden. Für den Fall dass das nicht geschieht, sondern das Material doch in Umlauf gebracht wird, verlangt das Importland eine Sicherstellung für die anfallenden Abgaben. Wann immer Waren ohne Einfuhrabgaben für einen nur vorübergehenden Gebrauch in ein Land importiert werden sollen, ist das Carnet ATA das Zolldokument der Wahl. Erfahren Sie mehr …

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